OEE zeigt, wie viel Potenzial in jeder Anlage steckt

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Produktionsanlagen sind das Herz vieler Unternehmen - und oft auch die größte Quelle ungenutzten Potenzials. Die Maschinen laufen, die Schichten sind besetzt, die Aufträge werden erfüllt. Doch zwischen sichtbarer Auslastung und tatsächlicher Wertschöpfung klafft oft eine Lücke.
An dieser Stelle kommt die Kennzahl OEE (Overall Equipment Effectiveness) ins Spiel.

Albert Schiller, Geschäftsführer von XPNX, erklärt in diesem Interview, warum OEE ein entscheidendes Instrument ist, um mit Fakten statt mit Annahmen zu arbeiten.

Herr Schiller, warum ist die OEE so wichtig?
OEE ist eine der wenigen Messgrößen, die das gesamte Produktionssystem in einer einzigen Zahl erfasst. Sie misst, wie effektiv eine Anlage tatsächlich genutzt wird - und nicht nur, ob sie läuft. Viele Unternehmen sehen Maschinen in Bewegung und nehmen an, dass sie produktiv sind. OEE zeigt, wie viel der verfügbaren Zeit wirklich wertschöpfend ist. Sie kombiniert Verfügbarkeit, Geschwindigkeit und Qualität - und genau diese Kombination macht sie so aussagekräftig. Eine Anlage kann technisch modern sein, aber wenn sie zu oft angehalten wird oder zu langsam läuft, wird das Potenzial nicht ausgeschöpft. OEE deckt diese Lücken schonungslos auf - nicht um zu kritisieren, sondern um Lernen zu ermöglichen. Meiner Erfahrung nach verändert allein die Arbeit mit OEE die Art und Weise, wie Menschen über ihre Prozesse denken. Sie erkennen Zusammenhänge, die vorher unsichtbar waren - zum Beispiel, dass kleine Störungen in der Frühschicht kumuliert mehr Verluste verursachen als eine große Störung pro Woche.

In vielen Betrieben liegt die OEE bei durchschnittlich 60 Prozent. Ist das problematisch?
Es kommt auf die Perspektive an. 60 Prozent sind kein "schlechter" Wert, sondern eher ein realistischer Ausgangspunkt. Es kommt darauf an, was man damit macht. OEE ist keine Note, sondern eine Diagnose. Der erste gemessene Wert beschreibt nicht Erfolg oder Misserfolg, sondern Transparenz. Viele Unternehmen sind überrascht, wenn sie sehen, wo ihre Verluste tatsächlich entstehen - oft nicht in offensichtlichen Maschinenstillständen, sondern in organisatorischen Übergaben, in der Materiallogistik oder in Anfahrprozessen. Die Kennzahl ermöglicht es, das Bild zu differenzieren und Prioritäten zu setzen. Wer diese Transparenz nutzt, gewinnt die Kontrolle über seine Zeit und Ressourcen.

Welchen Rat geben Sie Unternehmen, die gerade erst mit der Messung der OEE beginnen?
Erstens: Ruhe bewahren. Der erste Wert ist keine Bewertung, sondern der Startpunkt einer Lernkurve. Zweitens: OEE muss verstanden werden - nicht nur technisch, sondern auch kulturell. Wenn ein Betrieb die OEE als Werkzeug für Schuldzuweisungen verwendet, wird er scheitern. Es geht um Einsicht, nicht um Rechtfertigung. Drittens: Konsistenz. Es reicht nicht aus, einmal im Jahr einen OEE-Bericht zu erstellen. Was zählt, ist die Regelmäßigkeit. Nur im Laufe der Zeit lassen sich Muster, saisonale Schwankungen oder die Auswirkungen bestimmter Maßnahmen erkennen. Meiner Erfahrung nach ergibt sich der größte Nutzen, wenn die OEE Teil des täglichen Gesprächs wird - nicht nur für Ingenieure, sondern auch für Vorgesetzte und Bediener.

Warum viele Unternehmen zu spät reagieren
Ein weit verbreiteter Irrtum besteht darin, dass Betriebe erst dann mit der Anwendung der OEE beginnen, wenn der Druck zu groß wird - zum Beispiel aufgrund von Wettbewerbsdruck, Lieferengpässen oder steigenden Kosten. Dabei ist die OEE gerade dann besonders wertvoll, wenn es noch Raum für Verbesserungen gibt. Unternehmen, die frühzeitig mit der Messung beginnen, können Verbesserungen schrittweise einführen, anstatt überstürzt auf Krisen zu reagieren. Darüber hinaus hilft OEE, Abteilungen miteinander zu verbinden: Produktion, Instandhaltung, Qualität und Management sehen alle die gleichen Daten - und damit die gleiche Realität.

Praktisches Beispiel
In einem mittelgroßen Lebensmittelproduktionsbetrieb lag der OEE-Wert bei 58 Prozent. Nach einer einfachen Analyse wurden unnötige Umrüstzeiten, häufige Mikrostopps und Quellen von Ausschuss identifiziert. Innerhalb von drei Monaten stieg die OEE auf 65 Prozent. Auf den ersten Blick mag dies eine geringe Steigerung sein - in Zahlen ausgedrückt bedeutet dies jedoch eine zusätzliche Wertschöpfung von mehr als 1,5 Millionen Euro pro Jahr.

Schlussfolgerung
OEE schafft ein gemeinsames Verständnis von Leistung. Sie ist weniger ein Kontrollinstrument als vielmehr ein Spiegelbild der Realität. Wer sich regelmäßig mit dieser Realität auseinandersetzt, kann sie aktiv gestalten

Ausblick
Mit zunehmender Digitalisierung werden OEE-Daten automatisch verfügbar sein. Doch die Interpretation bleibt in der Verantwortung des Menschen - sie entscheidet darüber, ob die Zahlen wirklich zu Erkenntnissen führen.

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